Heliskiing in Kirgisien             19.2. – 27.2.2005

Ein Traum vieler Schifahrer ist es, einmal mit einem Helikopter auf einen Gipfel zu fliegen und dann in einer unberührten Natur im Tiefschnee talwärts zu schweben. Schon im Vorjahr wurde die Option Kirgisien angedacht, heuer konnte dieses Abenteuer realisiert werden.

Beim Einchecken am Flughafen Schwechat wurde ich von einer Dame aus Deutschland nach dem Ziel unserer Reise gefragt, nachdem sie anhand unseres Gepäcks Heliskiing vermutete. Erstaunt über unser Vorhaben antwortete sie: „Ist euch der Kaukasus zu wenig exotisch?“ Nein, das sicher nicht, aber die Möglichkeit, diesen Traum im Tien-Schan Gebirge in Kirgisien zu verwirklichen ist doch einmalig. Aber warum gerade in Kirgisien?

Der Leiter unserer Gruppe, Univ. Prof. Manfred Buchroithner hat längere Zeit in Kirgisien als Kartograf gearbeitet und den östlichen Teil des Landes mit Unterstützung einiger Studenten der Universität Dresden kartiert. Als Bergführer pflegt er natürlich Kontakte zu Verantwortlichen des AV in Graz. Mit den entsprechenden Informationen vor Ort hat der Jugendwart Reinhard Fruhmann die Idee, Heliskiing im Tien-Schan aufgegriffen und in die Tat umgesetzt.

Am Samstag, den 19.2.2005 brachen neun Österreicher über Wien und vier Deutsche über München via Istanbul nach Bischkek auf. Schon bei der Ankunft am Flughafen wurde uns die kommunistische Vergangenheit dieses Landes gewahr: geduldiges Warten in der Schlange, Stempel hin, Stempel her – alles hat seine Ordnung.

Eine detaillierte Schilderung der gesamten Woche möchte ich hier nicht zu Papier bringen, jedoch über die wesentlichen Ereignisse und Besonderheiten berichten.

Unser Quartier lag auf fast neunzehnhundert Meter Seehöhe an der Nordabdachung des Tien-Schan Gebirges, ca. vierzig Kilometer südlich der Hauptstadt Bischkek. Äußerst bescheiden war die Ausstattung der Unterkunft und das hat bei einigen KollegInnen beinahe einen Kulturschock ausgelöst. Aber als AV-Aktivist hat man schon einige spartanisch eingerichtete Hütten kennen und schließlich auch schätzen gelernt. Unser Transportmittel war eine russische MI-8 der kirgisischen Armee mit Tarnfarbe und Hoheitszeichen. In Österreich würde dieses Luftfahrzeug niemals die Starterlaubnis für zivile Zwecke erhalten, da Sicherheitseinrichtungen kaum vorhanden waren. Pilotiert wurde der Hubschrauber von einem Offizier und einem Kopiloten der kirgisischen Armee. Weiters standen uns noch ein Bordtechniker und zwei Serviceleute zur Verfügung.

Am Montag starteten wir erstmals in die Berge. In der Nähe eines ehemaligen und mittlerweile aufgelassenen russischen Alpinzentrums in ca. 3.400m Seehöhe wurde ein Zwischenstopp eingelegt und rund 500 Liter Sprit in einen dafür mitgeführten Ersatztank abgelassen, um ökonomischer in größere Höhen zu fliegen. Auf unserem zweiten Flug brachte unser Pilot uns auf eine Höhe von genau 4.000m. Von diesem Gipfel aus genossen wir einen herrlichen Blick nach Süden in die unzähligen von Ost nach West verlaufenden parallelen Gebirgszüge des Tien-Schan. Auf dieser Abfahrt lernten wir die Tücken des Tiefschnees kennen: mal herrlicher Pulver, mal windgepresst – man musste stets auf der Hut sein, um einen Kapitalsturz zu vermeiden. Leider folgte dann eine Schlechtwetterperiode von drei Tagen. Einige wagten eine Schitour, andere wiederum verbrachten den ersten freien Tag mit lesen oder Kontaktaufnahme mit der einheimischen Bevölkerung. Das unmittelbar vor der Unterkunft liegende Schigebiet erwies sich aufgrund der Schneelage und der Infrastruktur nicht als einladend. Die folgenden zwei Tage verbrachten wir in Bischkek und Umgebung mit Besichtigungen und Marktbesuch.

Obwohl wir am Freitag wieder fliegen konnten und den Tag auch entsprechend nützten, machte sich eine gewisse Unzufriedenheit innerhalb der Gruppe bemerkbar, da wir immer wieder die gleichen Ziele anflogen. Vor uns lag ein riesiger Gebirgszug, doppelt so lang wie die Alpen und mit unendlich scheinenden Möglichkeiten. Vorbereitet waren aber nur wenige Landepunkte auf der schneearmen Nordseite. Somit gab es am Abend einen Krisengipfel mit dem Ergebnis, dass unsere Wünsche der Organisation vor Ort mitgeteilt wurden und wir den noch verbleibenden Tag voll ausnützen konnten.

Und dieser Samstag sollte zum absoluten Höhepunkt werden. Um acht Uhr drehten sich bereits die Rotorblätter und der Pilot brachte uns bei strahlendem Sonnenschein über die erste Viertausenderkette in das märchenhafte Hochtal von Karakol, von wo aus wir herrliche Tiefschneeabfahrten genießen konnten. Jetzt gab es keine Zeit mehr zu verlieren und wir versuchten alles auszuschöpfen, was möglich war. Während des Fluges wurde schnell etwas gegessen und getrunken, ansonsten war Tiefschneegenuss angesagt. So oder so ähnlich haben wir es uns in unseren Träumen vorgestellt.

Diesen herrlichen Tag ließen wir auf der sonnigen Terrasse des Restaurants bei einer Jause mit Tee und Vodka ausklingen. Nach dem Abendessen wurde gepackt, Abschied genommen und unser Bus brachte uns wieder zum Flughafen.

Auf dem Rückflug denke ich immer wieder an die Ereignisse der letzten Tage und zwangsweise stelle ich mir die Frage, ob dieser Aufwand dieses kurze Abenteuer rechtfertigt? Auch hinterfrage ich als Naturliebhaber den enormen Einsatz an Ressourcen. Ich kann es drehen und wenden wie ich es will, ich komme immer zum gleichen Ergebnis: Einmal wollte ich mir diesen Luxus leisten, dazu in einem Land, das als Reisedestination nicht gewöhnlich auf der Liste steht. Ich habe in der wunderschönen Landschaft des Tien-Schan Gebirges eine sportliche Herausforderung erlebt, konnte aufgrund der Schlechtwettersituation die Hauptstadt Bischkek besichtigen und habe zahlreiche Gespräche mit Einheimischen führen können. Ein neues Land, das vor einem großen politischen Umbruch steht, eine Bevölkerung, die offen auf mich zuging und diese Landschaft kennen gelernt zu haben ist und bleibt für mich ein besonderes Erlebnis.

                                                                                                            Harald Liebmann